Wer in der Aus- und Weiterbildung unterrichtet, kennt die Szene: Eine Teilnehmerin beantwortet eine Frage falsch. Der Dozent sagt, was nicht stimmt. Die richtige Lösung wird genannt. Alle nicken, und der Kurs geht weiter. Auf dem Papier war das Feedback. In der Praxis bleibt oft offen, ob die Person jetzt wirklich besser versteht, worauf es ankommt, wie weit sie schon ist und was sie als Nächstes tun sollte. Genau an dieser Stelle hilft die Unterscheidung zwischen Feed Up, Feedback und Feedforward. In der Forschung geht diese Dreiteilung vor allem auf Hattie und Timperley zurück: gutes Lernen braucht Antworten auf drei Fragen – Wo soll ich hin?, Wie weit bin ich? und Was ist der nächste Schritt?
Der erste Begriff ist Feed Up. Gemeint ist die Klärung des Ziels. Lernende müssen verstehen, worauf eine Aufgabe eigentlich hinauswill. Ein einfaches Beispiel: In einem Vorbereitungskurs für eine IHK-Prüfung reicht es nicht zu sagen: „Heute machen wir Rechnungswesen.“ Feed Up wäre: „Heute sollen Sie eine Kennzahl nicht nur nennen, sondern in einem Fall richtig anwenden.“ Das klingt klein, ist aber didaktisch entscheidend. Wer das Ziel nicht kennt, kann Rückmeldungen später kaum einordnen.
Feedback im engeren Sinn beschreibt dann den aktuellen Stand im Verhältnis zu diesem Ziel. Also nicht nur „richtig“ oder „falsch“, sondern: Was klappt schon, was noch nicht, und an welcher Stelle wird es unscharf? Ein einfaches Beispiel: Ein Teilnehmer berechnet den Deckungsbeitrag korrekt, verwechselt aber anschließend Fixkosten und variable Kosten in der Interpretation. Dann ist die Rückmeldung nicht: „falsch“, sondern: „Die Rechnung stimmt, aber die Einordnung der Kostenarten noch nicht.“ Genau das ist lernwirksamer, weil die Person erkennt, wo sie steht.
Feedforward richtet den Blick nach vorn. Es beantwortet die Frage, was als Nächstes passieren sollte, damit aus einer Rückmeldung wirklich Lernen wird. Ein einfaches Beispiel: Statt nach einer falschen Antwort nur die Musterlösung zu zeigen, sagt man: „Versuchen Sie jetzt noch einmal denselben Aufgabentyp, aber markieren Sie zuerst, welche Größen fix und welche variabel sind.“ Damit wird aus einer Diagnose ein nächster Schritt. Die Forschung zu Feedforward zeigt genau diese Logik: Nicht die Rückschau allein ist wichtig, sondern die Verbesserung der nächsten Handlung. Eine systematische Review von Sadler, Reimann und Sambell zeigt, dass Feedforward in der Literatur vor allem dort auftaucht, wo Verbesserung von einer Aufgabe zur nächsten im Mittelpunkt steht.
Warum reicht einfaches Feedback so oft nicht aus? Weil eine reine Ergebnisrückmeldung zu grob ist. In der Forschung wird das sehr klar beschrieben: Outcome Feedback – also etwa „richtig/falsch“ oder nur die richtige Lösung – ist oft zu unspezifisch, um selbstreguliertes Lernen zu unterstützen. Es zeigt zwar das Ergebnis, aber nicht unbedingt den Denkfehler oder die passende Strategie für den nächsten Versuch. Bellhäuser und Kolleginnen/Kollegen formulieren das deutlich: Solche Rückmeldungen geben wenig Orientierung dafür, wie man weiterlernen soll, wenn das Feedforward fehlt. Auch Shute beschreibt formative Rückmeldungen deshalb als spezifisch, unterstützend, zeitnah und auf Lernveränderung ausgerichtet – nicht bloß als Urteil.
Gerade in der Aus- und Weiterbildung ist das wichtig. Erwachsene Lernende bringen unterschiedliche Vorerfahrungen, Lerngeschwindigkeiten, Unsicherheiten und berufliche Kontexte mit. Die OECD hält fest, dass Feedback im Erwachsenenlernen zentral für formatives Assessment ist, zugleich aber nicht automatisch wirksam wird: Es ist erst dann wirklich formativ, wenn es genutzt wird, um Lernen zu verbessern. In der beruflichen Bildung zeigen neuere Arbeiten außerdem, dass formatives Assessment zwar als wichtig erkannt wird, aber noch zu wenig systematisch eingesetzt wird. Drossel und Meyer kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass eine echte Feedbackkultur in die berufliche Bildung integriert werden muss.
Hinzu kommt noch ein zweiter Punkt, der in der Praxis oft unterschätzt wird: Rückmeldungen wirken nicht von selbst. Carless und Boud sprechen von Feedback Literacy. Damit ist gemeint, dass Lernende Rückmeldungen überhaupt verstehen, einordnen und produktiv nutzen können müssen. Ein einfaches Beispiel: Wer unter eine offene Antwort nur den Kommentar „mehr Transfer“ schreibt, hat formal Feedback gegeben. Für viele Teilnehmende bleibt das aber unklar. Sie wissen dann nicht, was genau mit „Transfer“ gemeint ist. Besser wäre: „Nennen Sie jetzt ein Beispiel aus Ihrem Arbeitsalltag und zeigen Sie daran, wie sich die Regel in der Praxis auswirkt.“ Dann wird aus einem abstrakten Hinweis eine handhabbare Lernaktion.

Die Dreiteilung ist auch deshalb so stark, weil sie Unterricht und Lernen enger verbindet. Feed Up klärt die Erwartung. Feedback macht den Lernstand sichtbar. Feedforward hält den Prozess in Bewegung. In einem guten Seminar oder Kurs laufen diese drei Dinge nicht nacheinander wie Formulare ab, sondern greifen ineinander. Eine Teilnehmerin antwortet auf eine offene Frage. Die Lehrkraft erkennt, dass das Ziel „Anwenden“ war, nicht bloß „Wiedergeben“. Sie zeigt, an welcher Stelle die Antwort noch zu allgemein ist. Und sie gibt sofort eine kleine Anschlussaufgabe. Genau dann entsteht das, was gute Lernbegleitung ausmacht: nicht nur Korrektur, sondern Weiterentwicklung.
Das passt besonders gut zu IHK-nahen Lernsettings. Dort reicht es selten, bloß Wissen abzufragen. Entscheidend ist oft, auf welcher Denkstufe jemand etwas leisten kann. So setzt es Tarsus zum Beispiel um: Taxonomiestufen wie Wissen, Verstehen und Anwenden können pro Kapitel gewichtet werden; der Stand einzelner Teilziele wird als Prozentwert gespeichert; und der nächste Lernschritt entsteht nicht aus einem diffusen Gesamteindruck, sondern aus klar umrissenen Teilzielen. Ein einfaches Beispiel: Jemand kann einen Begriff korrekt erklären, scheitert aber an einem Fallbeispiel. Dann liegt die Lücke nicht beim Wissen, sondern beim Anwenden. Genau dort sollte die nächste Rückmeldung ansetzen.
An dieser Stelle wird Tarsus als Praxisbeispiel interessant. Der KI-Lerncoach von Tarsus ist ein System, das auf den Unterlagen der jeweiligen Organisation arbeitet, Lernende im eigenen Tempo trainiert, Fortschritt dokumentiert und mithilfe von Machine Learning, didaktischen Regeln und Sprachmodellen den nächsten Übungsschritt vorhersagt. In den Microlearning-Artikeln wird außerdem beschrieben, dass diese Unterstützung nicht als starre Content-Bibliothek gedacht ist, sondern als kleine Intervention im Dialog: mit kurzen interaktiven Wissenschecks, offenen Transferfragen, fallbezogenen Mini-Aufgaben und direkten Anschlussfragen.
Gerade bei offenen Fragen zeigt sich, warum Feed Up, Feedback und Feedforward zusammengehören. Wenn jemand auf eine offene Transferfrage antwortet, reicht es didaktisch nicht, nur „stimmt“ oder „stimmt nicht“ zurückzugeben. Sinnvoller ist: Erst das Ziel sichtbar machen – etwa „Hier geht es um Anwenden, nicht um Definitionen“. Dann den aktuellen Stand benennen – etwa „Sie haben die Regel richtig beschrieben, aber noch nicht auf den Fall übertragen“. Und schließlich den nächsten Schritt geben – etwa „Nehmen Sie jetzt den geschilderten Kundenfall und begründen Sie Ihre Entscheidung in zwei Sätzen.“ Der KI-Lerncoach greift im Dialog auf offene Transferfragen auf, erklärt Fehlannahmen und ableitet daraus die nächste passende Mini-Aufgabe.
Das macht den Unterschied zwischen einem bloßen Antwortsystem und echter Lernbegleitung. In guten Lernmomenten fühlt sich Feedforward nicht wie Nachhilfe an, sondern wie ein kleiner Schubs im richtigen Moment. Genau deshalb passt der Ansatz so gut zu Microlearning: kleine, passende Interventionen statt langer Korrekturlisten. Und genau deshalb ist die Verbindung zu Aus- und Weiterbildung so naheliegend. Wer mit heterogenen Gruppen arbeitet, braucht kein System, das nur Lösungen ausgibt. Er braucht eines, das Ziele klärt, Stärken und Schwächen differenziert erkennt und daraus den nächsten sinnvollen Schritt ableitet – möglichst nah an den eigenen Skripten, Unterlagen und Prüfungslogiken.

Am Ende ist die Botschaft schlicht: Feedback allein ist oft zu wenig. Wer Lernende wirklich weiterbringen will, muss klar machen, worauf sie hinarbeiten, wo sie gerade stehen und was ihr nächster Schritt ist. In der Sprache der Forschung heißt das Feed Up, Feedback und Feedforward. In der Sprache guter Bildung heißt es: Lernende nicht mit einem Urteil stehen lassen, sondern ihnen den Weg zum nächsten Fortschritt zeigen.





